Wenn ich an sie denke, erinnere ich mich noch gut an unsere erste Session. Fachlich war sie längst angekommen: in einer verantwortungsvollen Position, mit klarem Rollenverständnis, einem Team, das sich auf sie verließ, und dennoch dieses zarte Unbehagen, immer noch „zu viel“ erklären zu müssen. Nicht aus Unsicherheit. Sondern aus Gewohnheit.
Sie war jemand, der Spannungen lieber moderierte, statt sie anzusprechen. Jemand, der Verantwortung überall da übernahm, wo sie liegen geblieben war. Und gleichzeitig spürte sie: Ich halte viel zusammen – aber ich selbst bleibe auf der Strecke.
Im Programm ging es nicht darum, neue Führungswerkzeuge zu vermitteln. Es ging um die Haltung dahinter: Welche Haltungen tragen dich? Und welche kosten dich Kraft?
In einer unserer Sessions wurde sichtbar, dass sie unbewusst in die Rolle der Ausgleichenden gerutscht war, derjenigen, die immer „mitnimmt“, Verständnis schafft und Sicherheit gibt. Diese Qualität hatte sie weit gebracht. Doch sie begann zu spüren, dass sie zur Begrenzung wurde.
Ihr Wendepunkt kam nicht mit einem großen Aha-Moment, sondern mit einem stillen Experiment. In einer wichtigen Entscheidungssituation entschied sie sich, nichts zu erklären. Kein Absichern, kein Einordnen, nur Klarheit. Sie war selbst überrascht, als keine Eskalation folgte. Stattdessen entstand Respekt. Eine neue Gesprächsebene.
In den Wochen danach beobachtete ich, wie sie Präsenz gewann. Sie wirkte gelassener, aufrechter und gleichzeitig wirkmächtiger.
Sie sagte einmal: „Ich bin klarer geworden und ich brauche weniger Energie, um ernst genommen zu werden.“
Eine ähnliche Veränderung zeigte sich, als sie begann, ihre Führungsrolle anders zu verstehen. Bisher war sie diejenige gewesen, die Dinge rund machte, Diskussionen abfederte, Formulierungen glättete. Doch je selbstverständlicher sie ihre Führungsentscheidungen traf, ohne sie zu kommentieren oder zu rechtfertigen, desto ruhiger wurde das System um sie herum.
Anfangs irritierte ihre neue Klarheit einige. Doch nach kurzer Zeit veränderte sich etwas Grundsätzliches: Die Gespräche wurden fokussierter, die Haltung ihres Teams respektvoller. Sie hatte verstanden, was Führung für sie bedeutet, nicht lauter, sondern klarer zu werden.
Für mich als Coachin ist diese Entwicklung sinnbildlich für das, was Side by Side ausmacht: Es geht nicht darum, wie jemand führen soll, sondern darum, wie man sich selbst wieder führt. Und genau das beginnen andere zu spüren, wenn innere Klarheit nach außen wirkt.