Was wäre, wenn uns eine gemeinsame Zukunft stärker verbindet als unsere Probleme uns trennen?

Warum gemeinsame Ziele mehr bewirken könnten, als wir denken.

Vor einigen Tagen hatte ich ein Gespräch, das mich nachdenklich gemacht hat. Es ging um Führung, gesellschaftliche Entwicklungen, Radikalisierung und die Frage, welche Herausforderungen Menschen in ihrem Arbeitsumfeld wahrnehmen.

In meinem beruflichen Alltag begegne ich zunehmend Konflikten, schwierigen Gesprächssituationen und Frauen, die sich unter besonderem Druck erleben.

Meine Gesprächspartnerin beschrieb dagegen ein Arbeitsumfeld, in dem die Begeisterung für technologische Entwicklungen, Innovation und gemeinsame Zukunftsperspektiven eine große Rolle spielt. Einige der gesellschaftlichen Spannungen, über die wir sprachen, nahm sie dort weniger stark wahr. Andere Erfahrungen waren ihr durchaus bekannt.

Aus diesem Gespräch habe ich eine Frage mitgenommen:

Was passiert eigentlich, wenn Menschen das Gefühl haben, Teil einer Entwicklung zu sein, die sie begeistert und die sie selbst mitgestalten können?

Verschiebt sich dann unser Blick? Werden Unterschiede weniger wichtig, weil uns etwas Gemeinsames verbindet?

Und müssen die Zukunftsaussichten dafür überhaupt gut sein?

Gemeinsam handeln – gerade wenn es schwierig wird

Ich erinnere mich an die Flutkatastrophe im Müglitztal, von der unser Unternehmen damals stark betroffen war, und an die Hochwasser, die ich in Koblenz erlebt habe.

Es waren schwierige und frustrierende Situationen. Vor allem wussten wir lange nicht, wie oder ob wir das alles bewältigen und wieder aufbauen können.

Und trotzdem habe ich dort etwas erlebt, das mich bis heute beschäftigt: Menschen haben angepackt. Hilfe wurde angeboten, ohne lange darüber zu diskutieren. Es gab ein gemeinsames Problem, ein unmittelbares Ziel und die Erfahrung, selbst etwas beitragen zu können.

Natürlich war damit nicht plötzlich alles harmonisch. Die Belastungen, Sorgen und Konflikte waren real.

Aber für eine gewisse Zeit stand etwas anderes im Mittelpunkt: Was muss jetzt getan werden? Wer braucht Unterstützung? Was können wir gemeinsam schaffen? Und ich erinnere mich daran, wie berührt ich war, als plötzlich fremde Menschen mit Gummistiefeln und Schaufeln vor uns standen und einfach halfen. In diesen Momenten haben wir Gemeinschaft und Zusammenhalt erlebt.

Vielleicht liegt genau darin ein wichtiger Unterschied.

Wir müssen nicht glauben, dass alles gut wird. Aber es könnte einen Unterschied machen, wenn wir wissen, wofür wir uns anstrengen, erleben, dass wir etwas bewirken können, und darauf vertrauen dürfen, dass wir auch in schwierigen Zeiten nicht allein sind.

Was sagt die Forschung?

Die Psychologin Barbara Fredrickson hat mit ihrer Broaden-and-Build-Theorie untersucht, wie positive Emotionen unser Denken und Handeln beeinflussen. Studien zeigen, dass positive Emotionen wie Freude und Interesse unsere Aufmerksamkeit erweitern und zusätzliche Handlungsmöglichkeiten sichtbar machen können.

Auch die Sozialpsychologie liefert interessante Erkenntnisse: Untersuchungen von John Drury und Kollegen zeigen, dass eine gemeinsam erlebte Notfallsituation ein Gefühl gemeinsamer Identität entstehen lassen kann, das gegenseitige Unterstützung begünstigt.

Eine weitere wichtige Perspektive liefert die Forschung zur Selbstwirksamkeit. Stevan Hobfoll und seine Kollegen identifizierten fünf zentrale Prinzipien für die psychosoziale Unterstützung von Menschen nach schweren Ereignissen: Sicherheit, Beruhigung, individuelle und kollektive Selbstwirksamkeit, soziale Verbundenheit und Hoffnung.

Dabei geht es auch um die Erfahrung, schwierigen Situationen nicht ausschließlich hilflos ausgeliefert zu sein, sondern selbst oder gemeinsam mit anderen etwas bewirken zu können.

Das bedeutet nicht, dass Optimismus automatisch zu besseren Ergebnissen führt oder gemeinsame Herausforderungen zwangsläufig verbinden. Auch lässt sich daraus nicht unmittelbar ableiten, dass positive Zukunftsperspektiven gesellschaftliche Konflikte verringern.

Aber die Forschung gibt uns Anlass, genauer hinzusehen: Welche Bedeutung haben gemeinsame Ziele, Zugehörigkeit und erlebte Handlungsfähigkeit dafür, wie Menschen mit schwierigen Situationen umgehen?

Was wäre, wenn wir diesen Gedanken weiterdenken?

Wir diskutieren viel darüber, was nicht funktioniert. Über Krisen, gesellschaftliche Spaltung, Diskriminierung, Überforderung und Zukunftsängste. Darüber, wer dazugehört, wer nicht und wer woran schuld ist.

Diese Probleme sind real. Sie müssen benannt, verstanden und bearbeitet werden.

Aber ich frage mich, ob wir manchmal zu wenig darüber sprechen, welche Zukunft wir eigentlich gemeinsam gestalten wollen.

Was würde sich in Organisationen verändern, wenn Führung nicht nur Probleme bewältigt, sondern ein überzeugendes Bild davon entwickelt, wohin die gemeinsame Arbeit führen soll?

Was könnte in unseren Städten und Gemeinden entstehen, wenn wir konkrete Herausforderungen gemeinsam angehen und dabei erleben, dass unser Handeln Wirkung zeigt?

Und noch einen Schritt weitergedacht: Könnten gemeinsame Ziele und die Erfahrung, miteinander etwas zu erreichen, dazu beitragen, dass Ausgrenzung, Frauenfeindlichkeit und andere Vorurteile weniger Raum bekommen?

Dafür reicht eine gute Zukunftserzählung allein sicherlich nicht aus. Gemeinsame Ziele können auch ausschließen, wenn nicht alle Menschen dazugehören oder gleichberechtigt mitgestalten dürfen. Andererseits glaube ich, dass genau hier das größte Potenzial für Überraschungen liegt: Was passiert, wenn wir feststellen, dass Menschen, die wir aufgrund von Vorurteilen und Stereotypen bisher in unserem Denken ausgeschlossen haben, plötzlich einen wichtigen Beitrag leisten – weil wir ein gemeinsames Ziel verfolgen?

Aber möglicherweise liegt eine Chance darin, nicht nur gegen etwas zu kämpfen, sondern gemeinsam für etwas einzutreten.

Nicht als Ersatz für die Auseinandersetzung mit Problemen. Sondern als eine zusätzliche Perspektive, die Menschen verbindet und handlungsfähig macht.

Vielleicht sollten wir deshalb häufiger fragen:

Wofür lohnt es sich, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen – und was können wir schon heute dafür tun?

We Can Do Better. Über Führung, gesellschaftliche Resilienz und die Möglichkeiten, Zukunft gemeinsam zu gestalten.


Wissenschaftliche Grundlagen

Fredrickson, B. L. & Branigan, C. (2005). Positive emotions broaden the scope of attention and thought-action repertoires. Cognition and Emotion, 19(3), 313–332.

https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3156609

Drury, J., Cocking, C. & Reicher, S. (2009). Everyone for themselves? A comparative study of crowd solidarity among emergency survivors. British Journal of Social Psychology, 48(3), 487–506.

https://doi.org/10.1348/014466608X357893

Hobfoll, S. E. et al. (2007). Five essential elements of immediate and mid-term mass trauma intervention: Empirical evidence. Psychiatry, 70(4), 283–315.

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18181708

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